Statt einer Gleichsetzung der Übermittlung von Information und Lernen geht man heute davon aus, dass das, was wir als Information verstehen, konstruiert wird im Rahmen eines komplexen Auswahl- und Verarbeitungsprozesses von Signalen. Der Lerner ist im E-Learning einer Vielzahl an visuellen und ggf. auditiven Signalen ausgesetzt, die er vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit ähnlichen Signalen, seiner Einstellung zum Lerninhalt, seiner momentanen Stimmung u.v.m. mehr oder minder bewusst auswählt, kombiniert und Schlüsse daraus zieht. Diese Vielzahl an Faktoren (unter denen die Intention des Verfassers des Signals „lesbarer Text“ nur eine ist), führt zu einem prinzipiell nicht vorher zu bestimmenden Ergebnis. Man konstruiert sich so über den Lebenslauf hinweg sein stets eigenes Verständnis – darunter das seiner jeweiligen Arbeit.
Vor diesem Hintergrund wirkt die in vielen Konzepten deutlich werdende Vorstellung naiv, man bräuchte nur „das richtige und wichtige“ auf den Bildschirm bringen. Hiermit verschiebt man die Verantwortung für das Lernen vollständig auf den Lerner – „es steht doch alles da!“. Was richtig und wichtig ist, ist allerdings immer nur für den Lerner richtig und wichtig. Selbstverständlich ist es deshalb nicht egal, welche Komposition von Signalen man als Gestalter eines WBTs nun wählt – die Verantwortung geht jedoch darüber hinaus, eine Auswahl unter den Lerninhalten zu treffen und die Lerner nicht auf Abwege zu führen: Lerner müssen Lerninhalte für sich als richtig und wichtig erfahren, weshalb man sich als Gestalter mit den Lernern systematisch auseinandersetzen muss. Die Eindeutigkeit des „Das steht doch da!“ hat indes als Sonderfall durchaus seine Funktion für viele triviale Zusammenhänge des alltäglichen Lebens, z.B. „Öffnungszeiten Mo-Fr 0800 – 1700“. Doch ist diese Eindeutigkeit nicht etwa dem obigen Text objektiv mitgegeben, sondern Ergebnis eines bestimmten Lernprozesses, den wir alle teilen. In anderen Kulturkreisen und/oder Sprachen wird das obige textuelle Signal alternative Deutungen hervorrufen.
Die systematische Berücksichtigung spezifischer bereits stattgefundener Lernprozesse bzw. des Vorwissens der Lerner sowie der Bedingungen ihrer Konstruktion von Wissen lassen sich als Merkmale originalen Lernens im E-Learning bezeichnen. Man schließt an das an, was der Lerner bereits weiss und an das, was ihn beschäftigt: Er oder sie soll sich im E-Learning beweisen können bis zu dem Punkt, an dem die Grenzen der eigenen Fähigkeiten liegen – hierfür schließt man üblicherweise an Herausforderungen der jeweiligen Arbeit an. Je näher man dabei an der Arbeitsrealität des Lerners bleibt, desto besser wird neu gelerntes behalten. Dies bedeutet nicht, dass man im Verlauf keinen Exkurs machen oder abstrakte Beispiele verwenden kann – auch diese können pädagogisch sinnvoll sein. Es bedeutet, dass man den Bezug zur dem Lerner eigenen Tätigkeit leicht nachvollziehbar hält. Der nächste Beitrag der Serie fasst die Merkmale Imitation von Lernen als Missachtung dieser Erkenntnisse zusammen.